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Britische Romantik und imperiales Pathos in St. Nikolai

Englische Kathedralmusik scheint wohl grundsätzlich mit Gravität nebst einem Hang zu festlichem Pomp einher zu gehen. Was im 16. Jahrhundert als Chorgesang für den (neuen) protestantischen Gottesdienst begann, entwickelte sich zu einer ungemein farbigen, expressiven und bis zum heutigen Tag melodiösen Chormusik-Tradition, die eine spätere stilistische Entsprechung in der meist sinfonisch geprägten Orgelmusik fand.

In der St.-Nikolai-Kirche präsentierten nun die beiden Nikolai-Chöre aus Flensburg und Eckernförde unter Leitung von Katja Kanowski einen repräsentativen Querschnitt durch diese wirkungsmächtige, emotional fundierte Chormusik, deren anfänglich noch kontemplative Wurzeln mit dem filigran musizierten »Justorum Animae« von William Byrd exemplarisch vorgestellt wurden. Auch Henry Purcells »Voluntaries«, die Michael Mages auf dem Barockwerk der Nikolai-Orgel in geistvoller Schlichtheit spielte, atmeten in ihrer archaisch anmutenden Farbigkeit und mit überraschenden Wendungen noch die polyphone Faszination der englischen Renaissance.

Im 19. Jahrhundert schlug dann die Stunde der unnachahmlichen britischen Romantik, die bis heute die britische Kathedralmusik dominiert. Sei es das breit angelegte »Blesses be the God and Father« von Samuel Wesley mit dem musiktheatralisch reizvollen Wechsel von Vokalsoli, Chortutti und Orgel oder der machtvoll-dichte Preisjubel des »Te Deum laudamus« von Charles Stanford: Harmonischer Wohlklang gepaart mit symphonischen Klangballungen der Orgel verleihen dieser Musik strenge Erhabenheit, triumphale Schlichtheit und selbstbewusste Ernsthaftigkeit.

Dagegen wirkte das »Nunc Dimittis« von Gustav Holst mit seinen Reibungen und Mischklängen des vorzüglich einstudierten A-cappella-Chores fast avantgardistisch, während Edward Elgars Orgelfassung seines berühmten Marsches „Pomp and Circumstance« trotz virtuoser und grandios gesteigerter Interpretation von Michael Mages fast einem saftigen, amüsanten Orgelgewitter nahekam.

John Rutter mit gesofteten, harmoniegesättigten Melodismen war ebenso vertreten wie das prächtig gesungene »I was Glad“ von C. Hubert H. Parry mit unwiderstehlich pompöser Finalklimax. Ein hochinteressanter, zupackend musizierter Konzertabend der extremen dynamischen Gegensätze nebst imperialem Pathos!

sh:z | FT | Detlef Bielefeld | 1. Juli 2014