Start A-Z Aktuell Kontakt Gemeinde Die Kirche Orgel Konfirmanden Gottesdienste Kirchenmusik Links


Ergreifend und stimmig: Weihnachtsoratorium in St. Nikolai
Der Kontrast könnte kaum größer sein: Draußen vor der Nikolaikirche überlagert Punschbuden-Seligkeit das Gedränge der Weihnachtsvorbereitungen an diesem 3. Adventssonntag. Drinnen herrscht trotz dicht besetzter Kirchen-Bänke atemlos-konzentrierte Stille – alle Augen sind auf KMD Michael Mages gerichtet. Er hebt den Taktstock – die Pauken donnern, hell erstrahlen die Trompeten, »Jauchzet, frohlocket«, stimmt jubilierend der Chor ein. Schon ist sie da, die besondere Weihnachtsstimmung, die seit 1734 immer dann greifbar wird, sobald Johann Sebastian Bachs »Weihnachtsoratorium« aufgeführt wird.

Es ist keine falsche Idylle, die in der »Sinfonia« am Beginn des zweiten Teils vom Ensemble Ars Musica wunderbar knapp und trocken, feierlich getragen, aber ohne Sentimentalität musiziert wird. Keine übertriebene Rührseligkeit liegt in den Arien, von Manuela Mach mit warm timbriertem Alt und dem strahlend-hellen Sopran von Marret Winger unprätentiös vorgetragen. Heldenhaft besingt John Lofthouse (Bass) den »großen Herrn und starken König«, während Evangelist Nicolas Smith (Tenor) die Weihnachtsgeschichte überzeugend rezitiert.

Der hochmotivierte Chor versteht es, als Identifikation der Gemeinde oder als Verkörperung der »himmlischen Heerscharen« konzentriert in Jubel und Innigkeit genau jene komplexen musikalischen Strukturen nachzuzeichnen, die dieses Weihnachtsoratorium so unvergesslich machen. Frisch und beinahe durchsichtig, in zügigen Tempi präsentieren Michael Mages und seine irdischen Mitstreiter das dramatisch-anrührende Ereignis um Christi Geburt, das der große Thomaskantor einst so unwiderstehlich komponiert hat. Die Menschen im Kirchenschiff scheinen einbezogen in das Geschehen, kaum jemand, der nicht in Gedanken mitsingt, mit dem Fuß wippt oder im mitgebrachten Klavierauszug der Musik folgt.

Bachs Weihnachtsoratorium: jenseits aller musikalischer Routine – ein stets ergreifendes, in Musik umgesetztes Miterleben rund um das Wunder der Weihnacht – alle Jahre wieder.

sh:z | FT | Ursula Raddatz | 13. Dezember 2011