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»Und was ist das für ein Akkord, he?«

Heute gastiert mit Daniel Roth (Paris) ein Organist der Extraklasse in St. Nikolai / Meisterkurs mit Teilnehmern aus Dänemark,
USA, Deutschland und Polen

Der junge Mann an der mächtigen Orgel ist nicht zu beneiden. Zumindest auf den ersten Blick. »He, was machen Sie denn da?«, unterbricht ihn sein Lehrmeister unsanft. Ist ein Ton nicht stimmig, das Tempo zu forciert? Daniel Roth jedenfalls stellt gnadenlos fest: »So geht das gar nicht. Sie müssen mehr üben.« Noch mehr üben: Der Student aus Polen versucht sich am 2. Choral von César Franck, einem nicht nur technisch, sondern vor allem interpretatorisch anspruchsvollen Stück. Er zählt zu den etwa 20 Teilnehmern an einem von Daniel Roth geleiteten Meisterkurs an St. Nikolai. Mit dem international gefeierten Organisten, Komponisten, Improvisator und Pädagogen haben die Eleven einen beneidenswerten Fang gemacht. Roth ist Titularorganist an Saint-Sulpice de Paris, mit Auszeichnungen hoch dekoriert.

Und er ist Organist aus Leidenschaft, er lebt die Musik. Blättert Noten, fährt mit den Händen durch die graue Mähne, dann über die Tastatur. Singt dabei und zeigt seinen Schützlingen, wie’s geht. »Legato! Schweller zu!«, weist er an. »Und was ist das für ein Akkord, he?« Roth knufft seinen Studenten in die Seite. Irgendwann aber, das wissen alle, kommt das Lob. »Es ist normal und richtig, dass ein Lehrer streng ist«, sagt der Maestro im anschließenden Gespräch. Er ist es auch zu sich selbst. Musik ist Disziplin, lautet sein Credo. Und der 69-Jährige liebt es, wenn man seine Anregungen (oder Anweisungen) schnell »übersetzen« kann. Schon vor zwei Jahren begeisterte Daniel Roth bei einem Konzert an der großen Woehl-Orgel zur Einweihung dieses weltweit einzigartigen Instruments. »Ich liebe es«, schwärmt Roth. »Es ist ein Unikum in einem wunderbaren Gehäuse.« Damals schon und auch jetzt bewegt der sympathische Franzose sich kaum außerhalb der Kirchenmauern. Noch vor zwei Tagen wunderte er sich: »Was, Flensburg liegt am Meer?« Inzwischen hat der Student verinnerlicht, was der Meister (»Viel zu brav, Sie müssen verrückter sein!«) von ihm verlangt. Die Orgel soll einen Sturm entfachen. Und plötzlich werden sie spürbar: heranrollende Wellen, das tosende Meer.

sh:z | FT | Gunnar Dommasch | 9. November 2011