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Untergang alter Klangwelten

Michael Radulescu scheint Extreme zu lieben: In seinem lange erwarteten Recital auf der Woehl-Orgel in St. Nikolai präsentierte der Orgelstar ein grenzüberschreitendes Konzert-Programm. Buxtehude und Bach auf der Barock-Orgel – Franck und eine gewaltige Eigenkomposition auf der großen sinfonischen Orgel – Radulescu versah diese Zweiteilung mit einer sehr persönlichen Klammer: spieltechnische Souveränität plus individuell-markante Registerwahl, die manche Hörerwartung zu verwirren vermochte.

Bachs grandiose »Toccata, Adagio und Fuge BWV 564« erhielt nach virtuos hingetupfter Exposition und sorgsam ausmusiziertem Adagio eine Klarheit und Abgeklärtheit in der auch klanglich fein strukturierten Fuge. Ganz anders der Eindruck beim einleitenden »Te Deum« BuxWV 218 von Buxtehude: Die Klangfarben des mehrsätzigen Werkes wirkten merklich dunkler, Strukturen entzogen sich oft hörfreundlicher Transparenz, der Spielfluss schien zu stocken – bisweilen gingen einzelne Registerkombinationen mit irritierenden Schwebungen einher.

In César Francks »Choral Nr.III, a-moll« überzeugten wieder die gewählten Klangkombinationen: Die Pedalstimme vermied dumpfes Säuseln, zeichnete erfreulicherweise meist plastisch und durchhörbar. Dazu kam Radulescus weitgespannte Tempoveränderung und der beherzte Zugriff, was der leidenschaftlichen Seite von Francks romantischer Orgelsprache entgegen kam. Auffallend der überdeutliche Einsatz des Schwellereffektes: Kleinstteilige Crescendi und Descrescendi wurden hörbar – die ruhigen, kontemplitiven Phasen bestachen dank Innenspannung.

Michael Radulescus bestürzend-mächtige »Epiphaniai« von 1989 als im Programmheft beschworene »visionäre Klangrede«: Kombination von atemberaubender Klangmystik, apokalyptischer Clustertechnik und schonungslosem Ausreizen aller technischen und klanglichen Ressourcen des Instrumentes – der Musik gewordene Untergang alter Strukturen (hat hier das Wendejahr 1989 seine Spuren hinterlassen?) zugunsten einer neuen Klangwelt!

sh:z | FT | Detlef Bielefeld | 10. Mai 2010