Start A-Z Aktuell Kontakt Gemeinde Die Kirche Orgel Konfirmanden Gottesdienste Kirchenmusik Links


Im Zeichen der Versöhnung

Bewegende Zeremonie in St. Nikolai erreicht Millionenpublikum - Bischof Gerhard Ulrich mahnte, auf die Kreuze der Welt zu sehen

Ein fast volles Gotteshaus, fast eine Million Zuschauer in Deutschland und der Schweiz vor dem TV. Flensburg im Fokus. Das Erste Deutsche Fernsehen sendete gestern live in hoch auflösender HD-Qualität aus der St. Nikolaikirche. Im Mittelpunkt: Die Karfreitagspredigt von Gerhard Ulrich (59), Bischof der Nordelbischen Kirche, der diesen Ort gezielt gewählt hatte: »Weil er ein ganz besonderer ist.« Die Zeremonie glich einer weitgehend perfekten Inszenierung, war minutiös vorbereitet, immer wieder geprobt worden. Scheinwerfer leuchteten die altehrwürdigen Mauern bis in den letzten Winkel aus. Kameras, Kabel und Lautsprecher überall. Regieanweisungen für die Gemeinde: Man möge beim »Kyrie« nicht der Orgel entlaufen. »Hören Sie genau hin!« Und das »Herr Erbarme Dich« geriet anfangs auch nicht zufriedenstellend. »Das kann und das muss präsenter kommen.« Schließlich war das Publikum eingestimmt, sang voller Kraft und Inbrunst; genau wie der Sankt Nikolai Chor, der im Zusammenspiel mit dem Ensemble Ars musica unter der Leitung von KMD Michael Mages sein volles Volumen abrief und sich daheim im Wohnzimmer in Dolby-Surround-Technik entfaltete.

Bischof Gerhard Ulrich suchte in seiner beeindruckenden Predigt – eingebettet in der von Ingeborg Losch (Landestheater-Ensemble) akzentuiert vorgetragenen Passionsgeschichte – immer wieder aktuelle Bezüge. Seine Worte waren bewegend, ja aufrüttelnd. »Wer das Leiden und Sterben Jesu mit wachen Sinnen verfolgt, der nimmt nicht nur teil an einem dramatischen Geschehen von einst, sondern der steht vor der schrecklichen Erkenntnis, wozu wir Menschen auch heute fähig sind«, sagte Ulrich eindringlich. »Der weiß, dass diese Geschichte nicht zu Ende ist, sondern sich wiederholt: Gewaltkreuze, Folterkreuze sind überall aufgestellt.« Es sei höchste Zeit, aufzuhören mit der Gewalt, die auch unschuldige Zivilisten bedrohe. Ulrichs Predigt war auch ein Plädoyer für soziale Gerechtigkeit und gegen allgegenwärtigen Egoismus. Der Bischof erinnerte an eine in Stein gehauene Mahnung im Nordertor: »Friede ernährt – Unfriede verzehrt.« Das Kreuz erinnere an den, »der sich verzehren lässt vom Unfrieden, damit Friede ernährt«. Und: »Das Kreuz ist ein Gegenentwurf zum Terror, ein Gegenentwurf auch zu aller Kreuzzug-Politik.« Pastor Bornemann ergänzte, es gebe Millionen Menschen, die nie erlebt hätten, was Friede ist. »Lieber Gott, hilf, dass wir ihn ergreifen.« Kirchgänger wie Jutta Urbancczyk (50) zeigten sich »tief berührt«, Günter Krappitz (70) sagte: »Ein gesegneter Gottesdienst, gut für Flensburg.« Das meinte auch der Bischof. »Eine riesige Chance für die Stadt, wenn man bis in die Schweiz hört, was an der Grenze zu Dänemark passiert.« Er gestand gegenüber unserer Zeitung, bei seinem ersten Fernsehgottesdienst etwas angespannt gewesen zu sein. »Man kann die ganzen Kameras ja nicht ignorieren.« Das habe sich aber schnell gelegt. Ein Gottesdienst sei eben, so sagte er, immer eine Inszenierung. »Eine Begegnung zwischen Gott und Mensch.«

sh:z | FT | Gunnar Dommasch | 3. April 2010