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Trauer, Ohnmacht, Verzweiflung

Mit einer betont kontemplativen Aufführung wartete der Sankt-Nikolai-Chor unter Michael Mages
in der Kirche am Südermarkt auf

Die Matthäus-Passion, Johann Sebastian Bachs bedeutendstes Werk um das Leiden und Sterben Christi, vermag immer wieder die Menschen in seinen Bann zu ziehen. Das erfuhren auch die Zuhörer der vollbesetzten St.-Nikolai-Kirche, als Michael Mages und sein Sankt-Nikolai-Chor mit dem überwältigenden Eingangschor »Kommt ihr Töchter, helft mir klagen« das Geschehen eröffneten. E-Moll, die Tonart der menschlichen Trauer, gab die schwermütige, schmerzliche Grundstimmung vor, ein getragenes, lastendes Lamento, das sich in fast allen Chorälen, Chören und Arien fortsetzen sollte.

Einen weiten Bogen spannt der Thomaskantor von den Klagen der Jünger um den Verlust ihres Heilandes bis zum Wüten des Volkes, das entfesselt dem Pilatus ein »Kreuzige ihn« entgegen schreit. Doch hier ist nicht der Justizirrtum das Thema, bei Bach geht es um einen Jesus, der gradlinig seinen Weg bis zum Ende beschreitet. Es ist genau diese Gradlinigkeit, die unerwartete Berechenbarkeit, die Vertrauen schafft, Vertrauen auf Gott. Bach lässt speziell diesen Aspekt hör- und fühlbar werden, sein Verzicht auf große Dramatik und aufgesetzte Effekte macht sein »Monumentalwerk« zum Stück der eher leisen Töne.

Genau diesen Aspekt schien Mages mit seinem von einem Knabenchor unterstützten Sankt-Nikolai-Chor umzusetzen zu wollen, der dieser eher elegischen Sicht gut entsprach, es aber in den Turba-Chor-Passagen ein wenig an Härte fehlen ließ. Das in zwei Orchestergruppen aufgeteilte »Ensemble ars musica« sorgte für tröstliche Ruhe und gab den kurzen hochemotionalen Momenten die nötige Dramatik.

Unterschiedlichste Ausdrucksvarianten bei den bewährten Solisten: Antje Bitterlichs kristallklarer Sopran brillierte in der lyrisch umrankten Arie »Aus Liebe will mein Heiland sterben«. Manuela Mach beweinte als Tochter Zion mit warmem, anrührenden Alt den Tod Jesu; Evangelist Martin Hundelts helle Tenorstimme schilderte engagiert das Geschehen, während Nils Giebelhausen verschiedenen Kurz-Rollen deutliche Konturen verlieh. Ansgar Hüning machte mit schlankem Bass als sanfter, fast schon jenseitiger Jesus die innere Zerrissenheit des Herrn am Ölberg greifbar, Thomas Peter gelang es überzeugend, die Porträts eines Judas, Petrus oder Pilatus plastisch zu imaginieren – besonders eindringlich und sinnstiftend in der Arie »Ich will Jesum selbst begraben«.

In diesem Werk gibt es keine große Kreuzigungsszene, Jesu Sterben vollzieht sich fast beiläufig. Auch die Auferstehung bleibt ausgespart – nicht das Göttliche, sondern menschliche Trauer, Ohnmacht und Verzweiflung stehen im Mittelpunkt. Und doch, Bachs Matthäus-Passion lässt vermutlich niemanden ungetröstet zurück, auch nicht nach einer betont kontemplativen Aufführung.

sh:z | FT | Ursula Raddatz | 1. April 2009