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Ein Flensburger Meister der Satzsprache

Konzert zum 85. Geburtstag von Hans-Joachim Marx

Geburtstagskonzerte zu Ehren lebender Komponisten bergen per se etwas Außergewöhnliches. So ließ der nimmermüde Hans-Joachim Marx es sich nicht nehmen, aus Anlass seines 85. Geburtstages, diesem Konzert mit seiner geistlichen Musik in St. Nikolai eine weitere Uraufführung beizusteuern. Sein unverwechselbarer Stil, der neben personaltypischer Orginalität und tiefer Empfindsamkeit auch ein ausgeprägt philosophisches Gemüt verrät, wurde überzeugend vom Flensburger Streichquartett umgesetzt, das die dreisätzigen »Hirtenweisen« an diesem Abend aus der Taufe hob.

Das Haupt-Thema im ersten Satz mutet wie ein immer wiederkehrender Zweifel an, der im Dialog mit sich selbst beschwichtigt wird, im Scherzando des zweiten Satzes in kurzfristige Heiterkeit zu entfliehen versucht, um im Largo das sehnsüchtige Verlangen nach absoluter Harmonie in einem auskomponierten Fragezeichen enden zu lassen.

Frage und Antwort: darauf verwiesen schon die vom St. Nikolai-Chor eingangs gesungene Motette »Lobet den Herrn« (BWV 230) von Johann Sebastian Bach und der unmittelbar folgende Orgelchoral a-Moll von César Franck, den Michael Mages in fein abgestufter Registrierung zur hymnischen Schlussklimax steigerte. Solcherart eingeleitet konnte sich im Folgenden Hans-Joachim Marx' ganzer musikalischer Ideenreichtum ausbreiten. Deutlich wurde sein Ringen um die großen Fragen des Lebens im »Zwiegespräch für Saxophon und Orgel«, einem Dialog zwischen Mensch (hier einprägsam interpretiert von Gabriel Köppen am Saxophon) und Gott, den die Orgel mit machtvoller Stimme (Michael Mages) »sprechen« ließ.

Die immer wiederkehrende Frage nach dem Sinn des Lebens zieht sich wie ein roter Faden durch das geistliche Werk von Marx. Das wurde in der Metamorphose über den Choral »In allen meinen Taten« für Streichquartett ebenso deutlich wie in der gewaltigen Choralfantasie für Orgel »Was Gott tut das ist wohl getan«. Auch die Choralkantate »Wer nur den lieben Gott lässt walten« nahm diese Thematik auf - Gesangssolisten, Nikolai-Chor und Helmut Herrmann an der Nikolai-Orgel wussten Vielschichtigkeit und Variationsreichtum dieser suggestiven Komposition zu nutzen, die nach dynamischen Steigerungen und dramatischen Episoden in stiller Nachdenklichkeit ausklang. Die Marx'sche a-cappella-Fassung des bekannten Volksliedes »Der Mond ist aufgegangen« zum Ausklang: zunächst anrührend zart, dann provokant variiert, zuletzt meditativ verhauchend ... in der typischen Ton- und Satzsprache des Jubilars, die sensibel berührt, Fragen aufwirft und zum Diskurs einlädt.

sh:z | FT | Ursula Raddatz | 29. September 2008