Start A-Z Aktuell Kontakt Gemeinde Die Kirche Orgel Konfirmanden Gottesdienste Kirchenmusik Links


Warum das Glockenspiel kein Dis hat

Man ahnt es nicht, wenn man an St. Nikolai hinauf schaut. Auf 60 Metern Höhe hängt ein Stück Technik-Museum: das Glockenspiel, das am Sonnabend 100 Jahre alt wird. Es gibt kein Dis im Glockenturm. Deshalb muss Pastor Thomas Bornemann auf eines seiner Lieblingslieder verzichten: »Geh aus mein Herz und suche Freud« hat ein Dis, das Glockenspiel nicht. 17 Glocken - die kleinste 175 Kilo schwer, die größte fast zehn Mal so viel - hängen in zugiger Höhe ein oder zwei Etagen über den Kirchenglocken und bimmeln der Stadt Tag für Tag mehrere Lieder - und das seit 100 Jahren! Es ist ein langer Weg hinauf zum eisernen Gerüst, in dem das Glockenspiel hängt. Mehr als 17 Exemplare passen hier in der Tat nicht hin: Es ist eng hier oben. Kein Platz mehr für das Dis. Und zugig ist’s! Irgendwo in der Nähe gurrt eine Taube und krakeelen ein paar Dohlen. Auch der Turmfalke ist regelmäßiger Besucher. »Die machen hier ihre Flugstunden mit den Jungen«, weiß Küster Hans-Wilhelm Harloff, der schon mal einen abgestürzten Jungfalken wieder hinauf getragen hat. »Die Alten haben ihn zum Glück wieder angenommen!« Die phonstarke Musik des 17-fachen Geläuts scheint die Vögel nicht zu stören. Sie scheren sich auch nicht um die Technik, die die Glocken zum Klingen bringt und die ein Stück weit ein Abbild der Technikgeschichte des 20. Jahrhunderts ist. Alles - oder fast alles - ist noch zu sehen und anzufassen. Die Glocken lassen sich notfalls auch per Hand anschlagen, aber nicht so kraftvoll und präzise, wie es die von einem Magneten aktivierten Hämmer seit 1970 können.

Fast noch beeindruckender als die licht- und kaltluftdurchflutete Glockengalerie ist der Antrieb in der Etage darunter: eine mächtige rostige eiserne Trommel mit etwa 1,60 Meter Durchmesser und ungezählten Löchern. In einem alten, staubigen Holzpult daneben lagern unter einer Klappe noch die alten Haken, die nach einem Muster, das der Organist vorgab, auf die Trommel geschraubt wurden. »Damit waren zwei Arbeiter zwei Tage beschäftigt«, weiß Pastor Bornemann. Eine Trommelumdrehung reichte für drei Lieder. Beim Drehen zogen die Haken irgendwann ein Stahlseil, das nach oben führte und dort den Hammer auf die Glocke sausen ließ - in Miniatur findet sich dieses Prinzip in vielen Spielzeug- und Souvenirläden wieder. Damit sich die mächtige Trommel dreht, musste ein Uhrwerk mit einer kräftigen Kurbel von einem kräftigen Mann aufgezogen werden. Schon 1920 ersetzte ein Elektromotor das mechanische Uhrwerk, doch das Grundprinzip mit der Trommel blieb bis 1969 erhalten. Dann wurde dieser Antrieb stillgelegt. 1970 war die Umrüstung auf das elektromagnetische Anschlagen der Glocken erfolgt. Jetzt konnte der Organist von einem speziellen Spieltisch mit Klaviertastatur das Glockenspiel bedienen; dieser Spieltisch stand bis vor wenigen Jahren im Organistenhaus westlich des Turms. »Der Vorgänger unseres heutigen Organisten Michael Mages hat das gelegentlich noch gemacht«, erinnert sich der Pastor. Später wurde im Spieltisch eine Trommel mit Lochkarte eingebaut, so dass der Organist nicht mehr selbst spielen musste. Vor einigen Jahren wurde das alte Glockenspiel mit modernster Computertechnik verknüpft: Die Steuerung erfolgt jetzt über sogenannte Midi-Technik. Alles, was in diesen Computer eingegeben wird, spielt das Glockenspiel nach - sofern kein Dis dabei ist.

sh:z | Artikel aus dem Flensburger Tageblatt - 28. April 2009