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Klingende Kostbarkeiten in der Kirchturmspitze

Fünf mal täglich spielt es den Einwohnern und Gästen der Stadt ein Lied, jede Viertelstunde verkündet es, was die Stunde geschlagen hat - das Glockenspiel von St. Nikolai ist aus dem akustischen Stadtbild nicht weg zu denken. Der 10. Januar 1968 ist ein kalter Wintertag, es schneit. In dem kleinen Kabuff im Turm der Kirche, auf halber Höhe zwischen Himmel und Erde, pfeift der Wind durch die Ritzen.

146 Töne hat das Lied »Ich bleib in deiner Gnade«, das sind 146 eiserne Mitnehmerhaken, die mit klammen Fingern Stück für Stück auf eine riesige Trommel geschraubt werden müssen. Zwei recht ungemütliche Tage dauert es, bis die Manns hohe Walze mit den Haken für drei Lieder bestückt ist, die dann täglich am Morgen, Mittag und Abend vom Kirchturm schallen.

»10. Januar 1968, viel Schnee, kalt«, notiert ein Mitarbeiter der Uhrmacherfirma im Deckel des hölzernen Klapp-Pultes. Die Bleistiftnotizen zeugen noch heute von der Zeit, als das einzige Glockenspiel Flensburgs mechanisch betrieben wurde. Auch die rost-braunen Haken, Muttern und Schrauben liegen noch heute in den Pultfächern. Die Seile aber, an denen einst die Haken auf der drehenden Walze zupften und so die Glocken zum Klingen brachten, sind gekappt. »1968 stellten die Arbeiter einen Antrag beim Kirchenvorstand. Sie wollten eine Heizung haben«, erzählt Küster Hans-Wilhelm Harloff und schmunzelt. Eine Heizung gab es nicht, dafür aber einen Elektro-Motor. Der setzte die Walze in Gang und hielt sie auch wieder an - so musste zumindest nicht mehr täglich jemand die ausgetretenen schmalen Stufen erklimmen, um die Mechanik wieder aufzuziehen. Und auch die Steuerung wurde bald elektrifiziert, die Hämmer an den Glocken mit Magnetspulen ausgestattet. Fortan konnte der Organist gemütlich in seiner Stube am Spieltisch sitzen und die gewünschten Lieder auf Lochkarten festhalten.

Heute befindet sich das Schaltzentrum in der Kirchenorgel. Im hinteren Teil des mächtigen Instruments steht ein Computer, an den ein Keyboard zum Einspielen der Melodien angeschlossen ist. Das Evangelische Gesangbuch liegt neben einem Stapel Disketten, und im Schaltschrank an der Wand klicken die Relais, wenn fünf Mal am Tag pünktlich drei Minuten nach der vollen Stunde ein Lied aus der Turmspitze erklingt. Nach etwa neunzig Sekunden verstummen die Glocken wieder. Wenn wir wollten, könnten wir stundenlang spielen«, sagt Küster Harloff, »aber die Uhrzeit kommt ja dazischen«. Die wird von zwei der siebzehn Bronzeglocken geschlagen, die seit 1909 in 65 Metern Höhe über der Stadt hängen - verschont von zwei Weltkriegen und unbeeindruckt von allen technischen Umstellungen. Wenn das neue Kirchenjahr beginnt, ändern sich auch wieder die Melodien. Ob Ostern, Weihnachten, Trinitatis - »Die Lieder müssen den kirchlichen Jahreszeiten entsprechen«, erklärt Harloff. »Aber welche wir da nehmen, können wir ganz frei entscheiden«.

sh:z | Artikel aus dem Flensburger Tageblatt - 25. Oktober 2003